• 2003 · Doreen Winder

    Tagesmutter · Rathenow

    Beschreibe bitte erst einmal deine Kindertagespflege – was ist das Besondere?

    „Kinder Sonne Lachen Tiere“ – der Unternehmensname sagt schon, was mir besonders wichtig ist. Kinder können bei mir Kinder sein; sie dürfen viel spielen. Das steht neben den pädagogischen Angeboten im Vordergrund. Sie dürfen von sich aus die Welt spielerisch entdecken. Dazu sind wir viel draußen – auf dem Spielplatz, im Wald, bei unseren Tieren. Die Kinder dürfen natürlich aufwachsen, im Einklang mit der Natur und mit Respekt vor der Natur. Bei mir dürfen sie jeden Stein umdrehen, jeden Käfer anschauen. Ich unterstütze sie und bin für ihre Fragen da.

    Wir haben einen sehr geregelten Tagesablauf: die ersten Kinder kommen um 6.30 Uhr, Frühstück gibt es um 8 Uhr, dann sind wir den ganzen Vormittag draußen oder spielen drinnen, spätestens um 11 Uhr gibt es das selbstgekochte Mittagessen, dann Mittagsschlaf und nachmittags sind wir wieder draußen. Das letzte Kind wird um 16.30 Uhr abgeholt. Wenn die Kinder nach Hause gehen, putze ich hier und kaufe noch ein; das dauert etwa 1 bis 2 Stunden.

    Solange das Wetter es zulässt, sind wir draußen, auch bei Nieselregen. Wir haben hier auf dem Hof Pferde, Katzen und Hunde, einen Spielplatz und einen kleinen Garten. Die älteren Kinder dürfen dann auch mit ernten und alle sehen, wo ihr Essen herkommt.

    Was inspiriert dich? Was ist das Besondere an deiner Arbeit?

    Mich inspiriert zu sehen, wie die Kinder die Welt entdecken. Wie sie sich über Kleinigkeiten freuen. Das sie jeden Tag etwas Neues entdecken. Das sie lernen, die Tiere mit Respekt zu behandeln und deren Körpersprache lesen.

    Der Mensch dahinter

    Ich habe mit 29 Jahren gegründet; auch mit meinem ersten Baby 2004 habe ich gleich weitergearbeitet. Ich konnte die Kleine dann manchmal mit zu den Terminen nehmen. Mit dem zweiten Kind 2006 wurde es schon schwieriger mit der Selbstständigkeit. Zwischendurch überlegte ich, mich wieder anstellen zu lassen. Aber das war nichts mehr für mich… Das Unterordnen in einem Büro und der Zeitdruck dort gingen gar nicht.

    Warum bist du damit erfolgreich? Was hat sich im Laufe der Jahre geändert?

    Ich war unglaublich ehrgeizig. Heute ist mir das überhaupt nicht mehr wichtig. 2003 habe ich zuerst ein mobiles Buchführungsbüro gegründet. Ich bin in die Firmen gefahren und habe vor Ort die Buchführung erledigt, die Abschlüsse gemacht, die Lohnunterlagen erstellt. Dazu habe ich viel am Wochenende und an Feiertagen gearbeitet – das wurde sehr wertgeschätzt und richtig gut bezahlt. Ich habe das ungefähr zehn Jahre lang gemacht. 2012 konnte ich das so nicht mehr weiterführen und nach der Elternzeit mit meiner dritten Tochter habe ich die neue Selbstständigkeit begonnen – als Tagesmutter. Wir haben dieses Bauerngehöft gekauft und damit hatte ich genug Platz, von zu Hause zu arbeiten. Nun habe ich Zeit für meine Familie, ich kann mit Kindern arbeiten und ich habe meine Tiere um mich herum. Das ist mir alles sehr wichtig.

    Wir sind im Moment nur noch fünf Tagesmütter in Rathenow, von vormals zehn Anbietern. Obwohl der Bedarf sehr hoch ist und wir sehr wenig Kindergartenplätze haben, werden es immer weniger Plätze, weil es einfach auch sehr schlecht entlohnt wird. Aber mir macht die Arbeit mit den Kindern so viel Spaß, ich kann mir meinen Tag allein einteilen.

    Dein Bezug zu Brandenburg

    Ich bin geborene Rathenowerin und lebe gern hier. Hier ist mein Zuhause, meine Heimat und ich wollte nie weg.

    Aus welchem Grund hast du dich damals selbstständig gemacht?

    Ich bin gelernte Steuerfachangestellte, habe in Festanstellung in einem Steuerbüro gearbeitet und nebenbei meinen Bilanzbuchhalter gemacht. Dann wollte ich mehr.

    Ich wollte damals auf eigenen Füßen stehen, wollte für mich arbeiten und für mich das Geld verdienen. Es ist meine Arbeit und dafür wollte ich belohnt werden. Die Wertschätzung für mich als Selbstständige ist viel größer. Ich konnte mich selbst entwickeln und wachsen, das wäre als Angestellte nicht möglich gewesen. Ich bin sehr risikofreudig und hatte Spaß in der Wirtschaft zu arbeiten.

    Die wichtigste Erfahrung als Gründerin?

    Die Arbeit als Selbstständige wird viel mehr geschätzt als bei einem Angestellten. Man wird als Person anders wahrgenommen und man wird anders entlohnt. Ich habe immer viel Respekt erhalten.

    Was waren die Stolpersteine als Gründerin? Welche sind es jetzt?

    Zu Beginn der Selbstständigkeit gab es eigentlich keine Stolpersteine; auch während der Schwangerschaft konnte ich problemlos weiterarbeiten. Das fanden meine Auftraggeber nicht schlimm. Und die Vorbereitung durch die Gründungswerkstatt hat mir schon sehr geholfen: Ich hatte meinen Job im Steuerbüro gekündigt und war auf der Suche – da ich nicht wusste, wie ich vorgehen sollte, habe ich einen Unternehmensberater gesucht, den mir Enterprise empfohlen hat. Ich bin dann nach Brandenburg gefahren und die haben mir geholfen, den Businessplan zu erarbeiten und mich auf alles vorzubereiten.

    Heute ist das ein bisschen anders: Wenn man auf öffentliche Träger, wie Jugendamt oder Kommunen, angewiesen ist, hat man mehr als genug Stolpersteine. Mir fehlt die Unterstützung sehr, ich habe keinerlei Förderung für die Einrichtung der Tagespflege erhalten. Außerdem kann ich nicht selbst entscheiden, was ich am Ende des Monats verdiene. Es liegt nicht in meinen eigenen Händen. Zudem habe ich eigentlich einen Vermittlungsanspruch gegenüber den Kommunen, sie müssten uns eigentlich Kinder vermitteln. Das passiert aber gar nicht. Ich mache nun selbst Werbung, habe mir eine Website erstellt und viele Flyer verteilt.

    Was sind für Dich die Vorteile & Nachteile der Selbstständigkeit?

    Ich kann mir meine Zeit hier völlig frei einteilen – wenn die Kinder einen faulen Tag wollen, dann machen wir einen faulen Tag. Genauso gehen wir raus, füttern Tiere oder besuchen hier auf dem Dorf einen Bauern, machen spontane Ausflüge. Alles ist möglich und ich habe viele Freiheiten. Nicht jeder Tag ist gleich und das ist schön so.

    Nur: Es fehlt im meinem Job als Tagesmutter an Wertschätzung seitens der Kommune. Und die Abhängigkeit von den öffentlichen Trägern ist schwierig für mich.

    Was würdest du beim nächsten Mal anders machen?

    Nichts. Ich bin ein freiheitsliebender Mensch und würde es immer wieder tun.

    Was empfiehlst du anderen Gründer*innen bzw. Jung-Unternehmer*innen?

    Wagt den Schritt in die Selbstständigkeit zu gehen! Und nach Möglichkeit sollte die Selbstständigkeit im Einklang mit der Familie funktionieren. Für mich war immer wichtig, dass ich meine Freiheit habe und viel selbst bestimmen kann, dass es aber immer trotzdem im Einklang mit der Familie steht.

    Vielen Dank Doreen für das interessante Interview!

    KONTAKT

    Doreen Winder

    Tagesmutter KiSoLaTi

    www.tagesmutter-winder-rathenow.de

    Das Interview führte Karina Börner (boerner(at)socialimpact.eu) am 14.05.2019.

  • Newsletter

    Trag Dich hier für unsere GründerNews ein