• 2006 · Julia Menzel

    Ergotherapeutin · Falkensee

    Beschreibe bitte dein Unternehmen.

    Ich habe 2006 eine Ergotherapiepraxis in Falkensee gegründet. Zwischendurch hatte ich noch für 3 Jahre eine Zweigstelle in Päwesin; da ich aber keine Fachkräfte gefunden habe, die aufs Land kommen wollten, musste ich dort wieder schließen. Hier in der Praxis habe ich fünf Mitarbeiter und eine Praktikantin, die schon ihren Vertrag nach Ausbildungsende unterschrieben hat. Ich bilde in Zusammenarbeit mit den Berliner Schulen auch selbst aus.

    Wir haben hier einen ganz tollen Team-Zusammenhalt, eine tolle Zusammenarbeit mit großer Wertschätzung und Vertrauen für die Arbeit des anderen. Wir arbeiten stark fachlich fundiert und tauschen uns permanent aus. Jeder Ergotherapeut hat erst eine ganz breite Ausbildung, wenn er anfängt, und entscheidet sich dann, ob und wie er sich spezialisieren möchte. Hier in der Praxis habe ich zwei Handtherapeuten, die sich anatomisch sehr gut auskennen und „hand-on“ am Patienten arbeite. Ich arbeite hauptsächlich verhaltenstherapeutisch, weil ich Zusatzqualifikationen in dem Bereich gemacht habe. Ich arbeite mit den Eltern der Kinder, hauptsächlich über Videoanalysen, um Beziehungen gemeinsam zu analysieren und auszuwerten. Ich behandele Kinder mit ADHS, mit Verhaltensauffälligkeiten, mit falschen Diagnosen, mit Wahrnehmungsschwierigkeiten. Und dann gibt es noch eine Kollegin, die den Fachbereich Neurologie abdeckt – sie fährt z.B. in Altenheime und behandelt Schlaganfall- oder Alzheimer-Patienten. Dazu kommen Praktikanten, die alle Bereiche durchlaufen und sich später entscheiden, worauf sie sich spezialisieren.

    Wir machen fachbereichsbezogene Therapie mit Leuten, die es auch wirklich können. Ich habe in den 13 Jahren gelernt, in der Praxis nicht mehr alles zu behandeln. Zu Beginn habe ich selbst alles gemacht und hatte nach 2 Jahren auch schon den ersten Mitarbeiter. Wir konnten damals nicht auswählen, weil Berufserfahrung und Spezialisierung gefehlt haben. Dann haben wir radikal umgestellt, müssen das oft auch nach außen, z.B. gegenüber Ärzten, rechtfertigen, aber wir schätzen uns gegenseitig sehr wert in unserer Arbeit.

    Was ist das Besondere an deiner Arbeit?

    Ich bin Chefin geblieben, obwohl ich mich mit der Chef-Rolle nicht identifizieren konnte. Ich komme aus dem sozialen Bereich und habe erst gelernt, ganz herzlich Chefin zu sein und trotzdem meinen Mann hier im Unternehmen zu stehen. Ich bin eine Führungskraft und habe trotzdem meine Persönlichkeit nicht verbogen. Dieser Spagat gelingt nicht jedem. Ich habe für mich lange daran gearbeitet und ich habe jetzt ein Team von Mitarbeitern, die mindestens 5 Jahre dabei sind. Meine längste Mitarbeiterin ist seit 12 Jahren dabei. Ergotherapeutin bin ich schon lange, das fällt mir leicht. Aber sooo Chefin zu sein, gibt mir den Kick.

    Der Mensch dahinter

    Meine erste Ausbildung habe ich zur Ergotherapeutin gemacht, außerdem noch verschiedene Zusatzqualifikationen erworben. Mit 27 Jahren habe ich gegründet.

    Warum bist du damit erfolgreich? Was hat sich im Laufe der Jahre geändert?

    Ich habe viel an mir gearbeitet, musste viel nachdenken und viel zulassen. Ich muss keine bestimmte Rolle erfüllen, muss keinem Klischee vom kühlen, dominanten, strafenden Chef entsprechen. Ich weiß so viel über Verhalten, Psyche, Menschen, dass ich da ganz entspannt sein kann.

    Zuerst habe ich alle Buchhaltung allein gemacht; heute habe ich eine tolle Bürokraft, die auch die Abrechnung mit den Krankenkassen übernimmt. Das Praxisprogramm verarbeitet alle Daten, die sie vorher sauber erfasst hat. Sie hat den Kopf frei und prüft ganz genau alle Vorgaben – so dass am Ende keine Unterschrift fehlt.

    Dein Bezug zu Brandenburg

    Ich bin in Potsdam-Babelsberg geboren und bin dann nach der Ausbildung nach Falkensee gezogen.

    Aus welchem Grund hast du dich damals selbstständig gemacht?

    Ich hatte ein ganz schreckliches Erlebnis mit meinem ersten Chef als Ergotherapeutin und dachte dann: das kann ich besser! Ich war vorübergehend noch woanders angestellt, aber so wollte ich nicht mehr behandelt werden und war skeptisch gegen jede Form von Anstellung. Ich will nicht unter Druck arbeiten. Also habe ich mit meinen Eltern gesprochen und sie haben mir zugesichert, dass sie mich im Notfall unterstützen. Aber das war nie notwendig, denn diese Not kam nicht.

    Deine wichtigste Erfahrung als Gründerin?

    Ich war gut vorbereitet, vielleicht durch die gute Unterstützung von Enterprise, und konnte sofort loslegen. Der Anfang war irre leicht, denn die Prozesse in einer Praxis hatte ich gut im Kopf; ich habe nur den Fehler gemacht, nicht von Anfang an das Backoffice zu beachten. Ich hatte einen Kunden nach dem Anderen, hatte gleich 40 Patienten in den ersten Wochen, und war sehr erfolgreich. Dann sind aber viele Sachen liegen geblieben, ich hatte noch kein System, um aufzuräumen.

    Als junge Frau (und auch heute noch) gab es Vorbehalte gegenüber mir als Chefin. Auch meine therapeutische Arbeit war früher nicht so direkt, weil mir die Erfahrung, auch mit den eigenen Kindern, gefehlt hat. Ich war sehr vorsichtig, obwohl das theoretische Wissen da war.

    Was waren die Stolpersteine als Gründerin? Welche sind es jetzt?

    Ich hatte zwei ganz große Krisen, die erste nach drei Jahren, für die ich eine Lösung finden musste. Ich musste mich durch die ungeliebten Zahlen wühlen, suchen, wo der Fehler im System lag. An den Mitarbeitern konnte es nicht liegen. Ich hatte nicht genug Steuern zurückgelegt für das 3. Jahr; die Praxis lief gut und ich hatte am Anfang ja noch keine Mitarbeiter, um Kosten gegenzurechnen. Man darf Steuern schieben, dann darf man verzögern und dann darf man plötzlich zahlen. Steuerlast kann man aber nicht stunden und da war es finanziell schon sehr eng. Ich habe die Lösung gefunden, das Vertrauen behalten und weitergemacht.

    Die Abrechnung bei den Ergotherapeuten läuft antizyklisch; man kann nicht sagen, wann kommt was rein. Bei zehn Behandlungen eines Patienten hat man nicht nach zehn Wochen das Geld auf dem Konto, sondern es gibt immer Unterbrechungen und die Abrechnung selbst dauert auch etwas Zeit.

    Was sind für dich die Vorteile & Nachteile der Selbstständigkeit?

    Ich muss keinen „Arschloch“-Chef aushalten, ganz klar. Viele wissen nicht, wie man sich respektvoll verhält. Mittlerweile habe ich auch so hohe Ansprüche an das Miteinander, dass ich mich gar nicht so leicht integrieren lassen könnte.

    Nachteile habe ich eigentlich nur in der Elternzeit empfunden – beim ersten Kind habe ich schon nach vier Wochen in der Praxis weitergemacht; nach sechs Monaten habe ich voll weitergearbeitet, weil mein Mann übernehmen konnte. Jetzt habe ich die finanzielle Sicherheit und auch das Vertrauen in meine Mitarbeiter, um auch mal nicht da zu sein. Auch machen es die elektronischen Medien möglich, dass ich von Zuhause arbeite, und nur zum Unterschreiben in die Praxis kommen muss. Als selbstständige Mutter geht man schon – trotz Elterngeld – das Risiko ein, sein Unternehmen zu verlieren. Es gibt den Druck, zu kontrollieren oder neue Anweisungen zu geben.

    Was würdest du beim nächsten Mal anders machen?

    Ich würde sofort ein Backoffice und eine Kontrollinstanz für die Finanzen einrichten. Das hätte mir die erste Krise erspart. Denn zu sehen, wo stehe ich, was kann ich an Lohn auszahlen, ist immens wichtig. Ich muss alle Zahlen kennen, sonst gibt es große Durststrecken. Die Gewissenhaftigkeit bei all den ungeliebten Tätigkeiten neben der eigentlichen Arbeit muss sein.

    Was empfiehlst du anderen Gründer*innen bzw. Jung-Unternehmer*innen?

    Gut genug und langfristig planen. Man darf nicht denken, dass es nach einem Jahr perfekt läuft und dann lebe ich davon… Ich kann nur empfehlen auch einen Plan B in der Tasche zu haben, wenn der Plan nicht genau so eintrifft.

    Und ich würde gleich Ausgaben und Einnahmen gegenüberstellen, das ist eine ganz einfache Excel-Tabelle - um immer den Überblick zu behalten.

    Wenn es schwierig wird, bleib trotzdem Mensch. Auch wenn man Unternehmer oder Chef wird, muss man sich nicht verändern, muss man nicht härter werden. Es setzt sich durch, wenn man menschlich und gut mit seinem Gegenüber umgeht, sei es der Autoputzer, der Patient oder der Mitarbeiter. Ich weiß, es funktioniert toll mit Vertrauensarbeit. Eine gute, unverbogene Antwort schafft Vertrauen und bindet den Menschen.

    Das Interview führte Karina Börner (boerner(at)socialimpact.eu) am 06.06.2019.

    KONTAKT 

    Ergotherapiepraxis Menzel

    Bahnhofstr. 61

    14612 Falkensee

    www.ergotherapie-falkensee.de

    Tel: 03322 / 286951

    buero.praxismenzel(at)gmail.com

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