• 2007 · Christin Ziggel

    Grafikdesignerin · Perleberg

    Im Laufe der letzten 12 Jahre hat sich bei dir so viel verändert, du hast so viele unternehmerische Ideen verwirklicht – kannst du uns davon erzählen?

    Ich habe 2007 den ricverlag gegründet, einen Kinderbuchverlag, da ich angefangen hatte, Geschichten selbst zu schreiben und diese auch zu illustrieren. Aber leider hat es zunächst finanziell nicht mit dem Verlag geklappt.

    Schon im Studium habe ich für das Perleberg-Festival ehrenamtlich als Grafikdesignerin gearbeitet. Daraus haben sich dann immer mehr Aufträge, auch für die Stadt Perleberg, ergeben. In meiner freiberuflichen Arbeit durfte ich dann für Veranstaltungen jeglicher Art arbeiten und z.B. das Wappen von Perleberg heraldisch richtig entwerfen. Als sich mit der Zeit die technischen Möglichkeiten veränderten, nahm die Wertschätzung für meine professionelle Arbeit als Grafikdesignerin ab. Jeder denkt, dass er am Handy selbst Marketing machen kann. Und ich erstelle auch keinen Flyer für 20€. Es hat mich sehr demotiviert, nur noch in einem schmalen Korridor Sachen verbessern zu dürfen, die der Kunde in „Word“ erstellt hat und mit denen er nicht zufrieden ist – da wird meine Kreativität nicht gefordert. Ich hatte und habe aber auch ganz tolle Kunden, die etwas ganz Kreatives bis hin zu Digitalisierung und Druck haben wollen – und die meine Arbeit, auch finanziell, wertschätzen. Ich arbeite auch für neu gegründete Firmen, die eine ganz individuelle Geschäftsausstattung bei mir in Auftrag geben. Aber das würde zum Leben nicht ausreichen, obwohl es mir immer noch viel Spaß macht. Die Grafikdesignerin wird immer ein Teil von mir bleiben.

    Dann – bin ich zu einer Bar gekommen. Ich kannte das Bargeschäft bereits seit 2006; 2008 habe ich die Bluebar in Perleberg übernommen. Das war ein komplett neues Leben: Aus meinem „Nerd-Leben“ hinter dem Computer wurde ein sehr präsentes Leben mit viel Smalltalk. Als Barfrau war ich am Anfang für alle Aufgaben zuständig und habe viel selbst gemacht, hatte später dann aber zwischen fünf und zehn Mitarbeiter. Wir haben das Angebot durch Streetfood und auch ausgefallenere Getränke erweitert, immer auch durch Anregung von den Kunden selbst. Das lief wirklich wie geschmiert und war eine tolle Zeit mit vielen neuen Erfahrungen. Als Freigeist und ohne Familie war das toll und hat großen Spaß gemacht. Mit der Geburt meines Kindes hat sich dann alles verändert – ich konnte nicht mehr die Nacht in der Bar verbringen. So habe ich dann angefangen, mehr Verantwortung an meine Mitarbeiter abzugeben und auch probiert, einen Geschäftsführer einzustellen. Nach acht Jahren in dem Geschäft musste ich nun aber einen Cut machen – im Juni 2019 habe ich die Bar verkauft. Sie läuft unter dem gleichen Namen mit den gleichen Mitarbeitern weiter. Es fiel mir wahnsinnig schwer, loszulassen.

    Während der Zeit mit der Bar und der Arbeit in der Nacht, hatte ich am Tag Langeweile (lacht). Über die Arbeit als Illustratorin bin ich zur Körperkunst gekommen – als Tätowiererin unter dem Namen „Wundertinte“ kann ich Kunst auf den Körper bringen. Ich kann malen und jeder sieht es. Zunächst in einem angemieteten Tattoo Studio und später in einem abgegrenzten Bereich der Bar habe ich Cover-ups und viele eigene Motive tätowiert. Ich habe einen sehr hohen künstlerischen, aber auch ethischen Anspruch. Ich bringe nicht alle Bilder auf den Körper und kann mir meine Kunden aussuchen.

    Jetzt ist alles nochmal ganz anders: Ich habe im Oktober 2018 als Seiteneinsteigerin im Lehrerberuf angefangen. Zum ersten Mal in meinem Leben arbeite ich angestellt und zum ersten Mal bin ich frei. Ich habe keinen Druck mehr, immer und ständig funktionieren zu müssen. Es gibt mir die Freiheit, das zu tun, was ich liebe, aber ohne die Angst um meine Existenz. Jetzt habe ich ein paar Rücklagen, ich kann mir meine Kunden aussuchen, ich kann auch mal krank werden, ich kann endlich wieder kreativ und frei denken und meinen Verlag zum Leben erwecken.

    Der Mensch dahinter

    Ich arbeite mit Leidenschaft. Ich habe unheimlich viel erlebt und gelernt in den letzten Jahren – über das Leben und die Menschen – und ich bereue nichts. Es beginnt gerade ein ganz neues Kapitel in meinem Leben und ich bin unheimlich gespannt auf das, was kommt.

    Mir ging es nie darum, reich zu werden, sondern immer darum, meine Träume zu verwirklichen. Ich habe meinen Abschluss als Grafikdesignerin habe ich an der Grafik- und Designschule Schwerin mit 1,0 gemacht und von mir wurde schon erwartet, dass ich in eine große Agentur gehe und viel Geld verdiene. Aber das kam für mich nicht in Frage. Und mein Vater stand immer hinter meiner Entscheidung, mich selbstständig zu machen.

    Warum bist du damit erfolgreich?

    Ich habe sehr hohe Anforderungen, an das, was ich tue. Sei es als Grafikerin, als Tätowiererin, als Barfrau oder jetzt als Verlegerin und Lehrerin. Es soll perfekt sein. Ich habe mir sogar vor ein paar Jahren eine Buchbinder-Werkstatt gekauft, um meine Bücher selbst binden zu können.

    Alles Geld, was ich verdiene, investiere ich immer wieder – ich könnte ganz viele Unternehmen ausstatten. Es gab gute Investitionen und auch schlechte. Manchmal habe ich einen Traum, der sich dann leider in der verfügbaren Zeit nicht umsetzen lässt. So viele Leben kann ich gar nicht leben, um alles zu schaffen, was ich gern würde.

    Dein Bezug zu Brandenburg

    Ich war schon immer ein Dorfkind, und wollte nie in einer Großstadt leben und arbeiten.

    Aus welchem Grund hast du dich damals selbstständig gemacht?

    Ich habe mich selbstständig gemacht, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass mir jemand sagt, was ich tun soll. Ich war schon immer sehr freiheitsliebend.

    Man sollte sich eigentlich fragen, habe ich hier das passende Publikum für mein Angebot, gerade hier bei uns im ländlichen Raum. Ich habe mir diese Frage nicht gestellt, dann hätte ich wahrscheinlich eher einen Pflegedienst gegründet. Ich wollte hierbleiben, bei meinen sozialen Kontakten und ich wollte das machen, was ich liebe.

    Die wichtigste Erfahrung als Gründerin?

    Die größeren Aufträge, die viel Zeit und manchmal zunächst Geld gekostet haben, und auch die Arbeit in der Bar haben mich viel Energie und Kraft gekostet. Meine Kreativität hat darunter gelitten. Ich habe gearbeitet, aber ich war im Kopf der anderen. Man darf nicht vergessen, wer man selbst ist. Und dann auch Nein sagen, wenn es gerade nicht passt.

    Was waren die Stolpersteine als Gründerin?

    Das manchmal die Kunden nicht gezahlt haben; ich habe tausende Euro verauslagt für die Druckkosten und dann kam das Geld vom Kunden nicht. Ich konnte meine Rechnungen nicht zahlen, die Miete nicht zahlen, die Krankenkasse nicht zahlen, weil ich meine Rücklage ausgegeben hatte. Das war kein schönes Gefühl und mir riss dann auch der Geduldsfaden … Ich habe gelernt, mir Vorschüsse für z.B. Druckkosten einzufordern und nicht immer zu vertrauen.

    Was sind für dich die Vorteile & Nachteile der Selbstständigkeit?

    Lange ausschlafen…

    Aber: So wie ich es in den vergangenen Jahren gemacht habe, musste ich immer funktionieren. Ich habe 70 Stunden und mehr in der Woche gearbeitet und hatte immer ein schlechtes Gewissen dem Kunden gegenüber, wenn es mir mal nicht gut ging. Ich war völlig fertig.

    Was würdest du beim nächsten Mal anders machen?

    Ich würde nicht mehr aus dem Nichts starten. Ich hätte es so gemacht, dass ich mir eine Anstellung suche und dann von dort aus meine Selbstständigkeit aufbaue. Und ich hätte gleich jemanden als Assistenz angestellt, der mir die vielen bürokratischen Kleinigkeiten vom Leib hält, so dass ich mich auf meine kreative Arbeit konzentrieren kann.

    Was empfiehlst du anderen Gründer*innen bzw. Jung-Unternehmer*innen?

    Frage dich: Wie möchte ich selbstständig sein? Es ist wichtig, ständig ich selbst zu sein, nicht selbst und ständig. Schau dir die Zeit und dein Umfeld an und erforsche, was gerade wo gebraucht wird. Oder folge deiner Leidenschaft!

    Von Anfang an sollte man sich besser nicht in Abhängigkeit begeben – weder vom Arbeitsamt, noch von den Eltern. Das ist immer ein unangenehmes Gefühl. Fang an mit einem Startguthaben; das kann von der Bank kommen oder von einem Brotjob. Das kann ein ganz einfacher Job sein, der dich nicht in Anspruch nimmt. Und dann einfach machen!

    Das Interview führte Karina Börner (boerner(at)socialimpact.eu) am 15.06.2019.

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