• 2014 · Patrick Berger

    Barista & Kaffeeröster · Potsdam

    Beschreibe bitte dein Unternehmen.

    Wir sind eine Spezialitäten-Kaffeerösterei und versuchen, ausschließlich die besten Qualitäten an Bohnen einzukaufen, die wir bekommen können. Die Kaffeebohnen, die wir verarbeiten, sind direkt gehandelt sowie nachhaltig und biologisch angebaut. Und diese Prinzipien ziehen sich durch unsere gesamte Angebotspalette, sei es Milch oder Hafermilch, seien es Backwaren, seien es die Möbel für die Café-Einrichtung – wir schauen bei allem, dass wir regionale, alternative, ökologisch angebaute Produkte bekommen. Und damit sind wir absolut auf dem richtigen Weg – als Gründer ist das ja immer eine finanzielle Frage gewesen, aber mittlerweile können wir konsequent in diese Richtung gehen.

    Neben der Kaffeerösterei betreibe ich eine Kaffeebar im Zentrum Potsdams mit eigener kleinen Konditorei. Dort verkaufen wir auch den Kaffee und das passende Kaffeezubehör und bieten Barista-Kurse an.

    Was ist das Besondere an deiner Arbeit?

    Wir haben uns auf die Fahne geschrieben, Spezialitätenkaffee für Jedermann zu einem erlebbaren Genuss zu machen. Unsere Passion ist es, jeder einzelnen Bohne und jeder Tasse die Wertschätzung zukommen zu lassen, die sie verdient haben und wollen die Schönheit und Vielfalt des Spezialitätenkaffees deutlich machen.

    Nachhaltigkeit in allen Bereichen ist mir besonders wichtig. Ich war 2012 in Lateinamerika und habe gesehen, wie der Kaffeeanbau für die großen Firmen funktioniert. Die Arbeiter müssen deutlich unter den Produktionskosten ihren Kaffee verkaufen und wirtschaften. Das war mir vorher nicht klar. Ich wollte immer Kaffee rösten und Buena Vida bedeutet ja „das schöne Leben“ - und ich möchte das für alle: für meine Angestellten, für die Kaffeebauern, für mich und für meine Kunden. Es ist also eine Win-win-Situation: Wenn nicht mehr auf Masse produziert werden muss, sondern Qualität erzeugt wird, dann haben wir hier auch besseren Kaffee.

    Wir kommunizieren diese Nachhaltigkeit, aber unsere Kunden schmecken den Unterschied, zu dem was man sonst bekommt. In Potsdam gibt es eigentlich nur noch ein anderes gutes Café; qualitativ gehören wir zu den Besten, obwohl das natürlich auch eine Geschmacksfrage ist. Das ist auch mein Anspruch: immer den besten Kaffee machen. Ich hoffe, die Leute merken diesen Unterschied.

    Ich habe 2014 allein angefangen; mittlerweile habe ich 13 Mitarbeiter*innen im Café, in der Bäckerei, der Rösterei und dem Büro, einige Teilzeit- und einige Vollzeitkräfte.

    Der Mensch dahinter

    Ich bin schnell für viele Sachen zu begeistern – und genau so bin ich zum Kaffeerösten gekommen. Ich brauchte während meines Studiums einen Job, warum also nicht Kaffee?! Dann folgte das Interesse und die Leidenschaft war einfach, jedes Detail über Kaffes zu erfahren. Ich bin ein Naturliebhaber und bin nach der Arbeit viel in meinem Schrebergarten und genieße die Ruhe und die Arbeit in der Natur. Ich bin ein Träumer, ein Visionär, und manchmal zu schnell in der Umsetzung meiner Träume, was manchmal vorteilhaft sein kann, manchmal aber eben auch zu Übereifel verleitet. Ich war 29 Jahre alt, als ich gegründet habe – und ich würde nicht hier stehen und hätte mich niemals selbstständig gemacht und wäre den sicheren Weg gegangen, wenn ich nicht der Träumer wäre und öfter mal auf mein Herz, anstatt auf meinen Verstand hören würde.

    Ich liebe meine Arbeit in all ihren Facetten– aber wie jeder andere Mensch muss ich mich an manchen Tagen überwinden, zur Arbeit zu gehen. Nach fünf Jahren bin ich nun aber in der glücklichen Situation, nicht mehr jeden Tag  am operativen Geschäft mitwirken zu müssen und mir meine Arbeitszeit recht flexibel zu gestalten. Darauf musste ich aber auch erst kommen – 2018 hatte ich einen zweiten Laden in Potsdam-West eröffnet, der mir gezeigt hat, dass mein Ego nicht wirtschaftliche Entscheidungen treffen sollte. Ich habe den Laden relativ schnell wieder geschlossen, weil ich kein Leben mehr hatte. Ich hatte keine Zeit mehr für mich und meinen Sohn, ich habe nur noch rund um die Uhr gearbeitet. Das mehr an Geld und Bekanntheit konnte das nicht ausgleichen; darum habe ich den Laden dann nach einem halben Jahr wieder abgetreten und auch für die bereits bestehende Rösterei einen Kaffeeröster und einen Shopmanager für den bereits bestehenden ersten Laden in der City eingestellt und angefangen Verantwortlichkeiten abzugeben. Das war sehr schwer, aber jetzt ist es die maximale Erleichterung. Ich mache immer noch viel administrativ aus dem Büro heraus, mache das Qualitätsmanagement und die Weiterentwicklung. Ich entwickele mich vom Selbstständigen zum Unternehmen, zum Geschäftsführer – und das ist für mich ein verrückter Schritt. Ich habe als Kaffee-Nerd angefangen, bin der Kaffee-Enthusiast und nicht der Finanztyp oder Manager. Das lerne ich jetzt gerade erst, und ich lerne durch meine Fehler. Entweder war es ein günstiger oder ein teurer Fehler, aber es passiert und es ist gut, so wie es ist.

    Dein Bezug zu Brandenburg

    Ich komme aus Brandenburg a. d. H., wohne jetzt aber seit elf Jahren in Potsdam. Ich habe hier studiert, zweimal. Erst Jura für vier Semester, dann Germanistik und Philosophie. Danach bin ich dann viel in Deutschland unterwegs gewesen, aber ich bin ein Familienmensch und wollte zurück in meine Heimat. Ich bin gern hier, ich habe meine Freunde und Familie um mich herum, und will erst mal nicht weg.

    Mich haben viele gefragt: Warum gehst du mit deiner Idee nicht nach Berlin? Dort ist das Bewusstsein für die Arbeit, die wir hier machen, deutlich größer, und auch die Bereitschaft für gute Produkte, einen angemessenen Preis zu bezahlen ist dort höher. Aber meine Antwort war und ist – wenn alle mit einer guten Idee aus dem Land Brandenburg weggehen, dann bleibt keiner hier, um die Stadt zu retten.

    Aus welchem Grund hast du dich damals selbstständig gemacht?

    Ich habe eine Ausbildung im Einzelhandel in Wolfsburg begonnen und habe da schon schnell gemerkt, dass ich nicht der Typ bin, der sich gut Autoritäten unterordnen möchte. Hier in Potsdam an der Uni hätte ich nach dem Bachelor eine sichere Stelle haben können, diese Option hatte ich. Aber die Leidenschaft für Kaffee war zu diesem Zeitpunkt schon entfacht und nach einem Gespräch mit meinen Eltern über diese Idee, die mich darin bestärkt und unterstützt haben, habe ich mich an Enterprise gewandt und habe es versucht. Ich schrieb einen einzigen Businessplan und habe ihn bei einer Bank abgegeben. Die waren anfangs nicht zu 100 Prozent überzeugt, weil es eben doch Gastronomie war und sie die Produktion der Kaffeerösterei nicht gleich gesehen haben. Schlussendlich aber haben sie an mich geglaubt und mir das Geld gegeben. Und dafür bin ich der Berliner Volksbank sehr dankbar, sie unterstützen uns bis heute. Es hat alles geklappt und ich stehe heute hier in meinem eigenen Laden.

    Ich denke, ich könnte auch als Arbeitnehmer gut funktionieren, aber ich bin besser in der freien, kreativen Position. Andererseits sehe ich auch, welche Vorteile, Sicherheit und Entspannung eine Festanstellung bringen kann. In den ersten Jahren habe ich 60 bis 70 Stunden in der Woche gearbeitet, jeden Tag, und musste mir die Freiheit für mich und meinen Sohn hart erkämpfen. Ich bereue es aber nie, den Schritt in die Selbstständigkeit gegangen zu sein. Es gibt mir ein Maß an Freiheit, machen zu können, was ich möchte. Natürlich habe ich Verantwortung für mich und mein Team, aber in diesem Rahmen ist vieles möglich. Ich möchte mich nicht als Workaholic bezeichnen. Ich liebe meine Freizeit und ich liebe meine Arbeit. Ich liebe es produktiv zu sein, ich weiß wofür ich es tue. Das Schöne ist, dass Kaffeerösten eine Arbeit ist, wo ich etwas mit meinen Händen schaffe. Ich habe sofort ein Ergebnis. Außerdem können wir mit dem Kaffee den Leuten ein Lächeln ins Gesicht zaubern, unser Kaffee geht in die ganze Welt. Wir bekommen Feedback, dass es der beste Kaffee ist, den sie je getrunken haben, oder dass es ein ganz besonderes Geschenk ist. So etwas zu wissen, dass unser Kaffee so emotionsbehaftet ist oder mit so viel Emotionen verschenkt und getrunken wird, ist jeden Tag der Grund, warum ich gern zur Arbeit gehe.

    Die wichtigste Erfahrung als Gründer?

    Hätte ich nicht zu 100% hinter dem gestanden, was ich machen und verkaufen möchte, dann hätte es nicht geklappt. Du solltest dich nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen selbstständig machen, sondern du musst dahinterstehen, gerade wenn Angestellte dabei sind. Ohne einen starken Willen wird es nicht funktionieren, da ich anfangs Tag und Nacht gearbeitet habe. Nicht nur hier im Laden, sondern auch im Büro bei der Abrechnung, Bestellung, Buchhaltung. Ohne Willen und Leidenschaft wird es nicht funktionieren.

    Wenn ihr an den Punkt kommt, Leute einzustellen, versucht nie Mitarbeiter zu nehmen, die schlechter sind als ihr selbst. Ich würde niemanden einstellen als Kaffeeröster oder in der Buchhaltung, der schlechter ist in diesen Aufgaben als ich, denn das kostet viel Geld und Energie. Ich muss mir Qualität einkaufen und gute Leute sind Gold wert. Denn wenn die Leute mitdenken und gut sind, in dem was sie tun, kann ich auch mal abwesend sein, und der Laden läuft weiter.

    Nicht jede finanzielle Entscheidung aus dem Bauch treffen – ich bin ein sehr impulsiver Mensch und traf manche Entscheidung deutlich zu schnell. Das mache ich heute anders, und schlafe schon mal fünf Nächte darüber, ob eine Investition sinnvoll und richtig ist oder nicht.

    Was waren die Stolpersteine als Gründer?

    Das Privatleben, die Familie und die Freunde nicht zu vernachlässigen ist das Anstregendste; Wachstum ist schon herausfordernd. Aber ich habe ein tolles Team an meiner Seite und da mache ich mir viel weniger Sorgen als noch vor zwei Jahren.

    Was sind für dich die Vorteile & Nachteile der Selbstständigkeit?

    Man kann Dinge verändern, ich kann Einfluss nehmen auf das Leben von Menschen am anderen Ende der Welt. Ich kann helfen: Wir haben letztes Jahr bei der Sterntaler-Aktion der MAZ mitgemacht und haben Kaffeesäcke verkauft, die bei uns übrig waren. Die kompletten Einnahmen haben wir gespendet. Ich kann das, wofür mir in einer Festanstellung die Mittel fehlen würden, hier umsetzen. Wir verschenken z. B. auch unseren Kaffeesatz an Bauern oder Rosengärtner. Man kann die Nächstenliebe intensiv leben, ohne Regeln, die von anderen gemacht werden. Ich entscheide und muss mich dafür nicht rechtfertigen! Und bekomme dafür viel Menschlichkeit zurück.

    Die Verantwortung für so viele Menschen, hier für mich und für mein Team, für die Kaffeebauern in unserer ersten Partnerkooperative in Äthiopien, ist etwas, dass mich sehr beschäftigt. Sie verlassen sich auf uns. Das ist ein gewisser Druck, der nicht immer leicht ist. Aber das sehe ich nicht als Nachteil.

    Es gibt keine Nachteile, es gibt Herausforderungen – und denen begegne ich glücklicherweise jetzt nicht mehr jeden Tag. Ich lerne aus meinen Fehlern und bin sehr positiv eingestellt. Manchmal ist der Augenblick sch…, aber das ist nur der Moment, der vorübergehen wird. Fehlentscheidungen kosten manchmal viel Geld; genauso kommen manchmal Mitarbeiter mit meiner Art zu arbeiten nicht klar und dann ist es immer blöd, den Mitarbeiter zu verlieren. Aber man wächst auch als Mensch mit seinen Aufgaben und lernt aus seinen Fehlern.

    Was würdest du beim nächsten Mal anders machen?

    Ich würde so manche finanzielle Entscheidung anders treffen. Ich würde mir schneller gute Leute und ein qualifiziertes Team dazu holen. Ich habe am Anfang alles selbst gemacht und wollte nicht gern Verantwortung abgeben, aber das würde ich jetzt schneller machen. Ich würde weniger Augenmerk auf das Café legen und mehr auf die Rösterei an sich, weil mich der Einfluss am Ursprung deutlich stärker reizt und ich jetzt erst dazu komme, diesen Einfluss auch zu nutzen. Andererseits, wenn ich das Café nicht hätte, wäre in meinem Leben so viel nicht passiert – ich hätte viele Freunde nicht kennengelernt, hätte viele tolle Kollegen nicht kennengelernt, hätte viele zwischenmenschliche Erfahrungen nicht gemacht. Ich bin jetzt da, wo ich sein will. Ich glaube an das große Ganze und der Weg ist der richtige – man bekommt keine Aufgabe, der man nicht gewachsen ist.

    Was empfiehlst du anderen Gründer*innen bzw. Jung-Unternehmer*innen?

    Traut euch, gegen den Strom zu schwimmen. Traut euch, eigene Ideen zu haben, auch wenn ihr am Anfang auf Gegenwind stoßt. Traut euch, innovativ zu denken. Traut euch, einfach euer eigenes Ding zu machen und nicht gesellschaftlichen Konventionen hinterherrennen zu müssen. Aber seid euch bewusst, dass ihr am Anfang wenig Freizeit habt. Steht dahinter, es muss sich im Herzen gut anfühlen.

    Kontakt

    Buena Vida Coffee GmbH
    Am Bassin 7, 14467 Potsdam

    Geschäftsführer Patrick Berger

    Telefon: +49 331 / 87 0 933 93
    E-Mail: info(at)buenavidacoffee.de

    Web: www.buenavidacoffee.de

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