• 2018 · Semjon Wolf

    Tischler · Kyritz

    Beschreibe bitte dein Unternehmen.

    Wir bauen und verkaufen Tiny Houses – „Landanker“ steht symbolisch für die Verbindung von Minimalismus und Leben auf dem Land. Die Tiny Houses werden komplett selbst aufgebaut. Aus diesem Grund haben wir in der Nähe eine große Halle gekauft und bereits einige Prototypen gebaut. Zusätzlich entwickeln wir eine Homepage mit Konfigurator, wo sich unsere Kunden ihr Haus zusammenstellen können, also wie groß, wie lang, wo sollen Fenster hin, welcher Bodenbelag, welche Anschlüsse. Wenn die Planung möglichst komplex steht, bauen wir die Häuser individuell nach Kundenwunsch.

    Das Ziel ist, Ende des Jahres diese Website fertig zu haben und dann in die Produktion zu gehen. Von Mund-zu-Mund-Propaganda wollen wir dann in ein professionelles Marketing übergehen. Wir sind im Moment ein Zweier-Team und geben einzelne Aufträge weiter an befreundete Handwerker. Wenn es richtig losgeht, planen wir aber Mitarbeiter für z. B. Kundenbetreuung und Büro einzustellen.

    Mein zweites Unternehmen ist ein mobiler Pizza-Stand, mit dem wir viel unterwegs sind. Im Sommer fahren wir als „Handcrafted Pizza Kollektiv“ zu den verschiedenen Festivals. Wir haben zwei große Anhänger mit dem Steinbackofen und Holz dabei.

    Warum bist du damit erfolgreich?

    Ich muss fokussiert sein, ich muss wirtschaftlich denken. Das macht einerseits viel kaputt, weil man nicht so frei arbeiten kann. Ich muss nach Priorität arbeiten, z. B. kommt erst das Schreiben ans Finanzamt und dann das Marketing; und Marketing kann ich erst machen, wenn ich schon was entwickelt habe. Ich muss diszipliniert sein, um etwas zu schaffen. Wir sind ja jetzt seit acht Monaten dabei und haben bisher noch nicht viel Geld verdient, aber wir sind auf einem guten Weg.

    Der Mensch dahinter

    Meine Brüder und ich waren Freilerner-Kids und sind erst spät zur Schule gekommen. Ich habe gelernt, mir alles selbst anzueignen. Niemand hat gesagt, dass ich etwas Bestimmtes studieren oder einen sicheren Job annehmen muss. Die Philosophie war: Ich kann alles machen.

    So habe ich mir schon während meiner Ausbildung ein Tiny House selbst gebaut, weil wir auch schon den Hof hier in Kyritz hatten. Ich wollte mir keine Wohnung in Potsdam mieten und deshalb habe ich mein Tiny House nach Potsdam gebracht und zweieinhalb Jahre darin gewohnt. In dieser Zeit hatte ich durch viel positives Feedback auch die Idee, das professionell zu machen. Direkt nach der Ausbildung und den Prüfungen war ich mir aber noch unsicher.

    Am Ende meiner Lehre als Tischler war mir nicht klar, ob ich mich selbstständig machen oder angestellt arbeiten will. In dieser Zeit habe ich mich von Enterprise beraten lassen. Die erste Gründungsidee hat sich dann irgendwie zerschlagen; ich habe mich zunächst mit einem Minijob anstellen lassen. Die Tiny Houses und der Umbau von Bauwagen haben mich aber nicht mehr losgelassen; privat habe ich das weitergemacht. Ein Bekannter hat mir Geld geliehen für den ersten Prototypen, den ich auch direkt verkaufen konnte. Nach einem weiteren Jahr beschlossen wir, das professionell aufzuziehen und eine Firma zu gründen. Allein hätte ich es mir wahrscheinlich nicht getraut, aber zu zweit hörte sich das gut an. Dann ging es los.

    Der Anfang der Selbstständigkeit hat mich sehr gefordert – wir haben ja eine sehr komplexe Rechtsform mit allen Steuerfragen gewählt und auch noch direkt eine große Werkshalle gekauft. Im Moment bin ich allein hier vor Ort im Büro zum Planen und Entwickeln.

    Dein Bezug zu Brandenburg

    Wir haben dieses Haus gemeinsam gekauft, weil wir zwar gern gemeinsam wohnen wollten, aber eben nicht in der WG in der Stadt. Die Überlegung, einen Hof zu kaufen, führte uns hierher; hier kannten wir schon ein paar Leute. Familiär bin ich hier nicht gebunden, denn geboren wurde ich auf der schwäbischen Alb. Nach Stationen in Bremen, Berlin und Potsdam fühlen wir uns jetzt hier zuhause. Das Dorf ist megaklein, aber alle sind total freundlich. Und die Politik ist interessiert; ich hatte letztens ein Gespräch mit der Bürgermeisterin, weil wir hier eine Tiny House-Siedlung aufbauen wollen. Wir haben viele Freunde in Berlin, die auch gern zeitweise hier auf dem Land wohnen wollen. Jetzt können wir ein Konzept einreichen, und dann wird von der Wirtschaftsförderung entschieden, wie sie uns unterstützen können. Auch eine Leader-Förderung kommt vielleicht in Frage.

    Aus welchem Grund hast du dich damals selbstständig gemacht?

    Ich hätte nach der Ausbildung in meiner Tischlerei übernommen werden können, und obwohl es ein cooler Betrieb war, wollte ich mehr Zeit auf dem Hof verbringen. Ich habe mir dann hier in der Gegend zwei Tischlereien angeschaut, aber die waren nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe – in Bezug auf die Materialien und die Arbeitsweise. Und dann war mir relativ schnell klar, dass ich nicht angestellt arbeiten möchte. Die Frage war: Wie kann ich meine laufenden Kosten decken und trotzdem mein Leben leben und Spaß haben?!

    Das Verkaufen der Pizza schafft z. B. Ressourcen, um weiter in die Entwicklung der Tiny Houses zu investieren. Die Firma sehe ich als Projekt – ich starte jetzt damit und schau in vier bis fünf Jahren mal, wohin es sich entwickelt und ob ich mich dann wieder rausziehen kann, um was Neues zu starten. Es gibt zu viele tolle Sachen, die man machen kann.

    Die wichtigste Erfahrung als Gründer?

    Ich bin sehr optimistisch an die Sache rangegangen und war dann ziemlich eingeschüchtert von der Flut an Briefen, die nach der Existenzgründung auf mich zu kamen. Sei es von der GEZ, vom Finanzamt oder vom Gewerbeamt. Es war so vieles neu. Da mein Partner im Moment noch in Chile ist, haben wir uns beide gegenseitig einen Fragekatalog per Mail geschickt, mit Fragen wie: Was sind deine Ressourcen? Was siehst du in der Firma? Wo soll es hingehen? Ich habe unter anderem geschrieben, dass ich viel Durchhaltevermögen habe, um eine Idee auch wirklich umzusetzen. Es lohnt sich, durchzuhalten. Weil am Ende alles gar nicht so schlimm ist, wie es aussah. Wenn man die Ämter anruft, sitzt dort meist ein Mensch, der helfen kann. Diese Downs lassen sich kompensieren, wenn man einen Schritt nach dem anderen macht. Dann geht es auch nach vorn.

    Ich sage mir oft: Ich habe eine Vision, an der ich festhalten kann. Irgendwann können wir auf ein Jahr zurückschauen und alles hat irgendwie geklappt. Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, wofür man das alles macht.

    Was waren die Stolpersteine als Gründer? Welche sind es jetzt?

    Alle Behörden sind irgendwie Stolpersteine – alle wollen Geld und das du dich erklärst, also wofür Geld ausgegeben wird und wovon man lebt. Das ist für mich manchmal sehr schwierig. Andererseits unterstützen uns die Institutionen auch sehr, gerade hier auf dem Land. Man kann hingehen, kommt sofort dran und kann mit ihnen reden. Deshalb wollte ich auch nicht in Berlin gründen, weil sich da alles so lange hinzieht. Wenn ich drei Monate auf meine Steuernummer warten muss, kann ich in der Zeit nichts einkaufen, keine vernünftige Rechnung schreiben.

    Was sind für dich die Vorteile & Nachteile der Selbstständigkeit?

    Vor- und Nachteil gleichermaßen ist das Durchhaltevermögen; aber daran wächst man ja auch. Richtige Nachteile sehe ich keine. Ich würde jedem empfehlen, sich mal selbstständig zu machen, solange es eine coole Idee ist. Was hat man denn zu verlieren? Ich kann es anmelden, versuchen und wenn es nichts wird, kann man sich immer noch anstellen lassen.

    Ich würde immer wieder gründen!

    Was würdest du beim nächsten Mal anders machen?

    Immer, na klar. Aber das ist auch gut so, dass man dazu lernt. Meine Steuerberaterin sagte mal: Wenn man gründet, ist man am dümmsten und muss die weitreichendsten Entscheidungen treffen. Und das ist tatsächlich so. Nach einem Jahr merkt man, dass man Dinge anders hätte machen können. Ich würde es sauberer aufziehen und wir haben in den anderen Unternehmen, die jeweils als GbR gegründet wurden, auch schon das eine oder andere Mal neujustiert. Also eine Firma abgemeldet, Geschäftsführer rausgenommen oder neu strukturiert. Alles, um dann wieder besser agieren zu können.

    Was empfiehlst du anderen Gründer*innen bzw. Jung-Unternehmer*innen?

    Wenn du eine Idee hast, lohnt es sich immer zu prüfen, ob daraus nicht ein Gewerbe werden kann. Es gibt so viele tolle Ideen und man muss sich trauen, sie auch umzusetzen. Auch bereits bestehende Geschäftsideen besser zu machen lohnt sich. Ich würde es jedem empfehlen. Man muss nur Bock auf selbstständiges Arbeiten haben.

    KONTAKT

    Semjon Wolf

    Landanker GmbH & Co. KG

    Wilhelmsgrille 18, 16866 Kyritz

    Web: https://landanker.de/

    Instagram: https://www.instagram.com/p/BsJlsAmgVPC/

    YoutTube: https://www.youtube.com/playlist?list=PLtR-UhCD7NyE303uNUlUAi_BaPF0T39EH

     

  • Newsletter

    Trag Dich hier für unsere GründerNews ein