Grafikdesigner und Bildungsarbeiter

Bildungsarbeit und Grafikdesign für Gender-Themen

Mittwoch, 23. September 2020

Eno Robin Liedtke leistet politische Bildungsarbeit für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt.

Lieber Eno, du hast Erziehungswissenschaften studiert. In welchen Tätigkeitsfeldern hast du dich selbstständig gemacht?

Ich arbeite in der Bildungsarbeit und als Grafikdesigner. Beide Bereiche ergänzen sich und drehen sich um die Themen Gender[1], soziale Gerechtigkeit und Intersektionalität[2], Identität und Körper.

Wie ergänzen sich denn Grafikdesign und Bildungsarbeit?

Als Grafikdesigner und Bildungsarbeiter lade ich dazu ein, sich mit bestimmten Themen auseinanderzusetzen, über den eigenen Bezug und andere Sichtweisen nachzudenken sowie in Austausch mit anderen zu kommen. Mit Bildungsarbeit und Grafikdesign kann ich hierfür an unterschiedlichen Punkten innerhalb der Prozesse von Informationsvermittlung, Kommunikation und Mediennutzung ansetzen. Grafiken schaffen einen ersten Zugang zu den Bildungsthemen.

Welche Dienstleistungen bietest du an?

Im Rahmen meiner Bildungsarbeit gebe ich Workshops und halte Vorträge zu den Themen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. Im Bereich Grafikdesign erarbeite ich vor allem Printmedien für Veranstaltungen und digitales Material für Websites.

Für welche Kunden arbeitest du?

Ich arbeite häufig für wissenschaftliche Institute, Interessenvertretungen, soziale Träger und Genderfachstellen.

Welche Themen sind gerade sehr präsent in der politischen Bildungsarbeit für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt?

Empowerment und Antidiskriminierung sowie alle Fragen rund um geschlechtliche und sexuelle Vielfalt vor einem intersektionalen und queerfeministischen[3], [4], [5] Hintergrund. Daher gebe ich Einführungsworkshops zu Genderthemen aber auch tiefergehende Workshops mit Körperarbeit. Auch Kinderliteratur beleuchte ich kritisch. Dabei ist mir wichtig, Stimmen präsent zu machen, die noch nicht bekannt sind. Häufig möchten die Teilnehmenden für ihre Kinder oder betreuten Personenkreise selbst etwas verfassen. Hierbei unterstütze ich.

Wie kommst du zum Grafikdesign?

Ich habe mir Grafikdesign selbst angeeignet, also bereits während meines Studiums und vertiefend dann während meinen zahlreichen beruflichen Stationen. 

Was war für dich die größte Herausforderung während der Gründung?

Eindeutig die Bürokratie, wie alle Fragen zur Künstlersozialkasse und meinem Status.

Was ist jetzt deine größte Herausforderung?

Während der Corona-Zeit Aufträge zu akquirieren ist eine Herausforderung. Viele Workshops wurden abgesagt und sind teilweise nur mit strengen Hygienevorschriften und wenig Teilnehmerzahlen möglich. Außerdem werden viele Grafikaufträge verschoben, weil gerade Soziale Träger und universitäre Einrichtungen wegen der Corona-Pandemie viel Stress haben.

Du hast das Buch „Sterne im Kopf“ veröffentlicht. Worum geht es dort und wie bist du dazu gekommen, ein Buch zu schreiben?

Ich habe mein Buch eigentlich für mein Kind geschrieben. Da ich so lange daran gearbeitet hatte, wollte ich es dann auch über einen Verlag für mein Umfeld veröffentlichen. Zu dieser Zeit gab es meiner Meinung nach nicht besonders gute Literatur zu diesen Themen. Und es ist außerdem sehr hilfreich, wenn das eigene Umfeld auch die Möglichkeit hat, bestimmte Prozesse nachzuvollziehen. Letztlich lesen auch viele Erwachsene und nicht nur Kinder mein Buch.

Worin liegt die Motivation anderer Eltern, Bücher für ihre Kinder zu schreiben?

Nun es gibt kaum Bücher, in denen unsere Lebenswelt auftaucht. Die meisten Bücher illustrieren und beschreiben Geschichten von Mama-Papa-Kind-Familien mit heller Hautfarbe, ohne Migrationserfahrungen, Mittelschicht etc.. Es gibt wenig Bücher von Menschen aus marginalisierten Positionen, die aus ihrer Perspektive und ihrer Wirklichkeit schreiben. Häufig sind es andere die über die betreffenden Personen und ihre Lebensumstände Texte verfassen. Die Motivation liegt darin, diese Realitäten sichtbar zu machen. Es geht nicht unbedingt immer nur darum, für das eigene Kind zu schreiben. Das dient zwar dem Empowerment des eigenen Kindes, aber der Effekt kann viel größer sein.

Welche Herausforderungen begegnen dir als Selbstständiger im Alltag?

Häufig ist die Preisgestaltung in Absprache mit den Kunden ein heikles Thema. Viele Kunden sehen den Wert, der hinter der Arbeit steht, nicht oder können nicht gut einschätzen, wie viel Workload mit einer Grafik verbunden ist.

Was waren deine größten Learnings in der Praxis?

Soziale Träger und Universitäten haben sehr lange Entscheidungsprozesse, die man einkalkulieren muss. Auch bei den Preisverhandlungen muss man damit rechnen, die eigene Leistung und ihren Wert klar zu kommunizieren und auch dazu zu stehen. Kurzfristige Änderungen von Kund*innen, zum Beispiel von Titeln, kommen ebenfalls häufig vor. Manchmal findet das kein Ende, dann wird es mit Blick auf die geplante Veröffentlichung schwierig. Wenn man in seinen Bekanntenkreisen nach nützlichen Kontakten und Aufträgen sucht, gerät man manchmal in einen unangenehmen Spagat zwischen Pflichtbewusstsein und eigener Existenzsicherung.

Was kann helfen?

Korrekturschleifen einplanen und vorher offen kommunizieren, was die Bedingungen, Inhalte und Fristen im Zusammenhang mit dem Angebot sind und warum diese eingehalten werden müssen. Das Setzen von Fristen hilft den Mitarbeiter*innen innerhalb ihrer Organisation für interne Entscheidungsprozesse; sie geben Meilensteine vor.

Je professioneller das eigene Angebot und die Rahmenbedingungen kommuniziert werden, desto besser. Ich bringe mich gern von Anfang an in die Entscheidungsprozesse ein und unterstütze bei der Organisation. So ist man eher Teil des Teams. Ich kommuniziere auch, dass ich eine*n Ansprechpartner*in haben möchte.

Vielen Dank Eno für die hilfreichen Tipps. Wir wünschen dir weiterhin viel Erfolg für deine Selbstständigkeit!

 

Das Interview führte Linda Pförtner (pfoertner@socialimpact.eu) von Enterprise.


[1] Gender – „Gender“ ist ein englisches Wort für … das soziale, das gelebte und gefühlte Geschlecht, im Unterschied zu „sex“, dem bei Geburt aufgrund körperlicher Merkmale zugewiesenen Geschlecht. … Der Begriff „Gender“ wird im Deutschen immer dann genutzt, wenn es um das soziale Geschlecht und um Geschlechtsidentität … geht. (Quelle: genderdings.de/gender/ (2020))

[2] Intersektionalität – beschäftigt sich mit der Verschränkung von sozialen Ungleichheiten, Macht- und Herrschaftsverhältnissen. Im Fokus liegt das Zusammenwirken unterschiedlicher Formen von Diskriminierung wie bspw. Geschlecht, Begehren, Rasse, Alter oder sozioökonomischer Status. (Quelle: www.queerulantin.de (23.09.2020))

[3] Queers – Sammelbegriff für unterschiedlichste Geschlechts- und Begehrensidentitäten, welche sich meist selbst als nicht-heteronormativ bezeichnen. (Quelle: ebd.). In Deutschland wird queer häufig als Sammelbegriff für „lesbisch, schwul, bisexuell, trans*, inter*“ verwendet. Es gibt auch Menschen, die sich selbst als queer bezeichnen, jedoch nicht als lesbisch, schwul, bi, trans* oder inter*. Sie können oder wollen sich nicht in ausschließende Kategorien wie Frau/Mann, homosexuell/heterosexuell, transgeschlechtlich/cisgeschlechtlich einordnen. (Quelle und weiterführende Informationen: www.abqueer.de/infos-und-materialien/begriffe/ (2020))

[4] Feministisch: Häufig geht es in feministischen Ansätzen um das Streben nach einer sozialen, wirtschaftlichen und politischen Gleichberechtigung von Frauen* und Männern* und den damit zusammenhängenden Kampf gegen sexistische Strukturen. (Quelle: www.queerulantin.de (2020)).

[5] „Queerfeministisch“ meint demnach das Streben nach Gleichberechtigung für Personen, die sich der „queeren Szene“ zugehörig fühlen.