• Herzenssprachen

    Adeline Hurmaci bietet Halbtagsseminare für Eltern an, die ihre Kinder multilingual erziehen möchten. Aus ihrer eigenen Familiensituation heraus weiß sie: Konsistenz, Flexibilität und Struktur sind für den Spracherwerb wichtig.

    Liebe Adeline, dein Unternehmen beißt Herzenssprachen. Wie bist du auf diesen schönen Namen gekommen?

    Zunächst sagt man ja, die Sprachen lernt man am besten, wenn eine emotionale Bindung hergestellt werden kann. Die Muttersprache ist in der Regel die Herzenssprache, mit der man alle Gefühle ausdrücken kann. Ich zum Beispiel kann meine Gefühle immer noch besser in Französisch ausdrücken, als in Deutsch, obwohl ich seit zehn Jahren hier lebe. Dadurch kann man Emotionalität und Bindung schaffen, was sehr stark dazu beiträgt, dass ein Kind eine Sprache gut lernen kann.

    Hast du mit Mehrsprachigkeit in der Erziehung selbst Erfahrungen gesammelt?

    Ja, wir sind eine multilinguale Familie. Ich bin Französin und die Muttersprache meines Mannes ist Türkisch. Deutsch ist unsere Begegnungssprache. Alles fing vor Geburt unseres Kindes an. Für uns war von Anfang an klar, dass wir unser Kind mehrsprachig erziehen möchten. Ich begann damals in der Schwangerschaft, viel zum Thema mehrsprachige Erziehung zu lesen und mich mit Fachliteratur zu beschäftigen. Als unser Kind auf die Welt kam, gab es zunächst keine Fragen. Aber als dann der Spracherwerbsprozess begann, kamen hingegen viele Fragen auf. Insbesondere, wie wir mit unserer Dreisprachigkeit umgehen können, damit die Erziehung und unser Alltag funktionieren. Ich glaube, man kann umso mehr mitgeben, wenn man selbst betroffen ist.

    Wann habt ihr welche Sprache gesprochen?

    Wir haben uns von Anfang an für das Modell eine Person - eine Sprache (OPOL (One Person One Language)) entschieden – mein Mann spricht also Türkisch mit unserem Sohn und ich Französisch. Wenn wir zu dritt waren, haben wir gemerkt, dass wir sehr schnell ins Deutsche wechselten, weil es in diesem Moment am natürlichsten für uns war. Aber uns war auch wichtig, dass wir eine Konsistenz im Sprechen unserer Muttersprachen finden. Daher begann ich, mich mit dieser Frage zu beschäftigen: Wie können wir die richtige Balance finden, dass unser Kind mit genügend Intensität mit unseren beiden Muttersprachen in Berührung kommt und wir uns gleichzeitig alle wohlfühlen und uns ohne Hemmungen zu dritt unterhalten können. Es stellte sich u.a. die Frage, wie wichtig die Konsequenz ist: Muss ich denn immer nur französisch mit ihm reden oder darf es auch mal sein, dass ich deutsch oder sogar türkisch mit ihm spreche?

    Wie komme ich zu einer Konsistenz im Gebrauch von Sprachen?

    In dem man sich zum Beispiel für ein Modell im Gebrauch von Sprachen entscheidet. Das meist angewandte OPOL-Modell ist nicht das einzige, das funktioniert – man muss immer schauen, was zu einer Familie passt. Wenn man sich für ein Modell entschieden hat, sollte man in gewisser Weise konsequent bleiben. Das bedeutet: Habe ich mich für OPOL entschieden, so muss ich versuchen, so oft es geht mit meinem Kind in meiner Sprache zu sprechen - auch wenn das Kind z. B. konstant nur in der anderen Sprache antwortet. Heute weiß ich aber auch, dass nicht nur Konsequenz sondern auch Flexibilität grundlegend ist. Struktur ist wiederum wichtig, damit das Kind sich entlang einer Leitlinie orientieren kann, die ihm auch hilft, die Sprachsysteme voneinander zu trennen. Flexibilität ist wichtig, weil sie dem Kind beibringt, flexibel in seinem Umgang mit Sprachen zu sein und sich an seiner Umgebung und seinen Mitmenschen anzupassen.

    Wie habt ihr Methoden für den Alltag entwickelt?

    Weil es mich so sehr interessiert hat, haben wir im Alltag nach Lösungen gesucht. Oft haben wir ganz spontan Methoden entwickelt, die sehr kreativ waren und uns Freude gebracht haben. In diesen Momenten habe ich dann realisiert, dass wir etwas entwickelt haben, was auch anderen Eltern helfen kann. Gleichzeitig habe ich sehr viel Inspiration aus zahlreichen Fachartikeln und Büchern geholt und diese als Grundlage für eigene Konzepte genommen.

    Was wäre zum Beispiel ein schönes Alltags-Ritual?

    Unser Lieblingsritual ist zum Beispiel das gemeinsame Spielen vor dem Zubettgehen. Wenn wir zu dritt spielen, so hat jedes Spiel sozusagen seine Sprache: Memory spielen wir z.B. immer in Französisch; Puzzle immer in Türkisch. Unser Sohn weiß inzwischen schon bescheid und schaltet meist automatisch in die richtige Sprache.

    Hast du damals schon an Selbstständigkeit gedacht?

    Dass ich mich selbstständig machen will, hatte ich schon länger im Kopf. Ich wusste, dass das Fachgebiet in dem ich promoviert habe (Kulturwissenschaften) mir nur befristete Jobchancen in wissenschaftlichen Forschungsprojekten bieten würde; das war mir zu unsicher. Außerdem war schon lange klar, dass ich meiner beruflichen Karriere dem widmen wollte, was mir wirklich am Herzen lag.

    Hast du in Deutschland studiert oder Frankreich?

    In beiden Ländern: Ich habe in Frankreich das Studium begonnen, dann war ich zwei Jahre über ein Erasmus-Programm in Deutschland. In dieser Zeit habe ich meinen Mann kennengerlernt. Die Promotion habe ich dann in einem binationalen Programm durchgeführt. Ich lebe seit ungefähr 10 Jahren in Deutschland.

    Mit welcher Gründungsidee bist du zu Enterprise gekommen?

    Ich kam zuerst mit der Idee eines Angebots, das den Spracherwerb mehrsprachiger Kinder in Kitas und Familien fördern sollte (u.a. mit einer mehrsprachigen Bilderbuchkiste). Es stellte sich heraus, dass diese Idee sich als Geschäft nicht tragen würde – deshalb soll daraus nun ein Verein entstehen. Damals habe ich dann in einem Gespräch mit Thomas schnell herausgefunden, dass ich ein großes Interesse an Selbstwirksamkeit habe und in der Praxis mit Menschen arbeiten möchte und wir überlegten zusammen, was ich daraus machen könnte.  

    Welches Angebot wird es für Eltern geben?

    Ich biete Eltern mein Wissen zum Thema mehrsprachiges Aufwachsen an, in Form von Halbtagesseminaren für maximal 12 Personen. Die Eltern werden erfahren, wie mehrsprachige Erziehung funktioniert und was man tun kann, damit der Alltag möglichst stressfrei funktioniert. Sie werden Tipps erhalten, wie man die Multilingualität anregen kann und dürfen sich auf einen Austausch mit anderen Eltern freuen.

    Angenommen, meine Tochter wurde bereits multilingual erzogen und ist schon vier Jahre alt. Bietet mir dein Seminar trotzdem einen Mehrwert?

    Das ist ein guter Punkt. In den ersten drei Jahren legt man die wichtigsten Grundlagen. Danach können aber situativ immer wieder neue Fragen auftauchen. An dieser Stelle können Eltern gern auf mich zukommen, denn ich werde auch Beratung und Coaching anbieten. Doch auch für die Eltern, die schon vieles gelesen haben oder sich in beiden Sprachen gut ausdrücken können, kann der Workshop hilfreich sein. Allein um sich Fragen zu stellen, die sie sich noch nie gestellt haben oder um in einen Austausch mit anderen Eltern zu kommen.

    Welche Probleme können bei einer mehrsprachigen Erziehung noch auftauchen?

    Bei mir kam irgendwann die Erkenntnis, dass mein Kind nicht automatisch französisch sprechen lernt, wenn ich permanent französisch mit ihm spreche. Es antwortet zum Beispiel nur auf Deutsch oder vermischt die verschiedenen Sprachen miteinander. Viele mehrsprachig erziehende Eltern stehen irgendwann vor diesem oder anderen ‚Problemen’ und sind verunsichert. Wie bekomme ich es nun hin, dass mein Kind meine Sprache spricht und vor allem Freude daran hat? Dabei möchte ich die Eltern unterstützen und sie vor einem Alltag voller Fragen und Unsicherheiten bewahren.

    Seit wann bist du selbstständig?

    01. Mai 2019.

    Vielen Dank für das schöne Interview, Adeline!

    KONTAKT

    Dr. Adeline Hurmaci

    Herzenssprachen

    Website: www.herzenssprachen.de

    E-Mail: info(at)herzenssprachen.de

     

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